Zur Relevanz von Geschlechter- und Altersstereotypen im Sport

Foto: Deutsche Sporthochschule Köln

Die Autorinnen Prof. Dr. Ilse Hartmann-Tews, Dr. Bettina Rulofs, Ulrike Tischer

Ilse Hartmann-Tews, Univ.-Prof. Dr. phil., Studium der Sozialwissenschaften und Anglistik an der Universität zu Köln und der University of Essex/England; Hochschullehrerin für Soziologie und Geschlechterforschung in der Sportwissenschaft und Sportsoziologie sowie Leiterin des Instituts für Sportsoziologie der Deutschen Sporthochschule Köln. 
Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Soziale Konstruktion von Geschlecht in den (Neuen) Medien; Sozialstrukturelle Analysen von Alter(n) und Sport; Gender Bias in der Wissenschaft am Beispiel der Sportmedizin.

Dr. Bettina Rulofs ist Akademische Oberrätin am Institut für Sportsoziologie, Abteilung Geschlechterforschung der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiterin des Lehrmoduls zu „Managing Diversity“ im Rahmen des BA-Studiums an der Sporthochschule Köln.
Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterforschung und soziale Ungleichheit im Sport, Gewaltprävention und Kinderschutz im Sport, Diversity Management und Sport.

Ulrike Tischer, M.A. (Soziologie, Politische Wissenschaft, Geschichte), Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sportsoziologie der Deutschen  Sporthochschule Köln, Abteilung Geschlechterforschung. Aktueller Forschungsschwerpunkt: Altersbilder und somatische Kultur. Studium des Master of Advanced Studies „Demenz und Lebensgestaltung“ an der FH Bern.

 

Der Sport lässt sich als ein Sozialsystem beschreiben, in dem körperliche Leistungen und ihre Steigerung, das „Schneller, Höher, Stärker“ zu den zentralen Orientierungen gehören. Mit diesem Grundgedanken hat sich im 19. Jahrhundert ein eigenes gesellschaftliches Teilsystem ausdifferenziert, das heute vielfältige Facetten hat. Diese reichen vom Hochleistungssport, der mit den Olympischen Spielen und den Weltmeisterschaften seine Höhepunkte hat, über verschiedene Trend- und Abenteuersportarten wie Nordic Walking, Mountainbiking oder Parcours bis hin zu ganzheitlich orientierten „sanften“ Bewegungsaktivitäten wie Yoga, Pilates oder Tai-Chi.

Das Bild des Sports ist also vielfältig, doch die körperbezogene Leistungsfähigkeit und deren Steigerung als zentrale Handlungsorientierung bleiben der gemeinsame Nenner der Aktivitäten im Sportsystem. Die unterschiedliche Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen oder von jüngeren und älteren Personen führt daher zu einer Hierarchie der Sporttreibenden: Sport wird eher assoziiert mit Jungen und jungen Männern, und parallel hierzu erscheinen sowohl Mädchen und Frauen als auch ältere Personen als weniger sportlich und ihr Sporttreiben als weniger attraktiv und relevant. So zeigt sich schon visuell der „natürliche“ Unterschied zwischen den Geschlechtern: Im Durchschnitt sind Männer größer und muskulöser, und sie sind objektiv gemessen stärker, schneller und kräftiger als Frauen. Auch jüngere und ältere Menschen unterscheiden sich in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Allzu leicht erscheint damit eine natürliche Ordnung zwischen den Geschlechtern und zwischen den Altersgruppen im Sport erwiesen zu sein. Diese Schlussfolgerung auf eine „natürliche Ordnung“ legitimiert dann zugleich Unterscheidungen sozialer Art, die wenig mit der rein körperlichen Leistung zu tun haben. Durch stereotype Vorstellungen wird der Blick auf Sport verengt, und die Verknüpfung von „natürlicher Leistungsfähigkeit“ und sozialen Bedingungen führt oft zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

Altersstereotype, Sportaktivität und körperliche Leistungsfähigkeit

Für die körperliche Aktivität und Mobilität von Personen sind neben physischen Prozessen auch soziale Deutungsmuster ausschlaggebend. Gesellschaftliche Erwartungen können Menschen er- oder entmutigen, körperlich aktiv zu sein und Fähigkeiten zu trainieren, wobei traditionelle Altersbilder wenig motivierend für die Sportaktivität Älterer waren. Mit dem Älterwerden wurden körperliche Gebrechlichkeit, mentaler Abbau und sozialer Rückzug verbunden. Heute existiert ein weitaus positiveres Bild von 60-Jährigen hinsichtlich ihrer körperlichen Fitness und Leistungsfähigkeit als früher, wie sich zum Beispiel an Darstellungen in der Werbung nachweisen lässt (Röhr-Sendlmeier & Ueing 2004).

Die Veränderung des Altersbildes hin zu einem „aktiven Alter“ spiegelt sich in den Entwicklung der Sportbeteiligung seit 1985: Die Steigerungsraten bei den über 45-Jährigen sind überproportional hoch.

Vergleich der Sportpartizipation 1985 und 2011. Quelle: DIW Berlin, SOEP v28, 2012, eigene Darstellung; Sportaktivität (mind. einmal pro Woche); *=p ≤ 0,05; ** = p ≤ 0,01; *** = p ≤ 0,001

Oft wird vermutet, dass Ältere mehr Interesse am geselligen Zusammensein und am Kennenlernen neuer Leute hätten als an der sportlichen Aktivität. Hier kommen Unconscious Bias zum Ausdruck in der Annahme, Ältere seien oft einsam und hätten es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Tatsächlich haben Ältere weniger Interesse an diesem Aspekt des Sporttreibens als Jugendliche. Dementsprechend treiben sie Sport oft selbst organisiert und allein oder zu zweit. Der Spaß an der Aktivität steht auch bei ihnen im Vordergrund, gefolgt von Gesundheitsmotiven (vgl. Hartmann-Tews et al. 2012).

Die Stereotypenforschung zeigt, dass Älteren im Vergleich zu Jüngeren weniger Kompetenz, Leistungsfähigkeit und Attraktivität zugeschrieben wird (Kite et al. 2005). In körperlicher Hinsicht gelten sie als langsamer, unbeholfener und verletzlicher. Obwohl es einen altersbedingen Leistungsrückgang gibt, weiß man heute, dass in Kraft, Koordination, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Ausdauer Trainingseffekte auch im höheren Alter möglich sind. Altersstereotype können sich dabei nachweisbar auf motorische Leistungen auswirken, wie Studien mit Priming-Verfahren (s. Kasten) zeigen (Levy & Leifheit-Limson 2009). So gingen Ältere mit positivem Priming schneller und mit längerer Schwungzeit als solche mit negativem Priming (Hausdorff et al. 1999). Der Zuwachs nach dem positiven Priming war dabei vergleichbar mit dem Fortschritt, den Ältere nach einem mehrwöchigen Trainingsprogramm zeigten!


Priming

Unter Priming (engl. to prime = etwas grundieren, bahnen) versteht man die Aktivierung einer bestimmten Kategorie, zum Beispiel Alter oder Geschlecht, durch einen bestimmten Reiz oder Kontext. In einem Versuchsaufbau werden mit dem Verfahren des Primings bestimmte Gedächtnisinhalte ausgelöst, zum Beispiel durch die Nutzung von Begriffen wie „Rente“ oder „grauhaarig“ in einer Rahmenerzählung einer Aufgabe oder im Gespräch vor dem Test, oder durch das Einblenden von Altersstereotypen wie „weise“ oder „vergesslich“ auf einem Bildschirm in einer Geschwindigkeit, die unterhalb der bewussten Wahrnehmung der Probanden liegt. Durch das Priming wird (bewusst oder unbewusst) die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in der Situation auf die jeweilige Kategorie gerichtet. Der Einfluss des Primings kann durch Vorher-Nachher-Vergleiche oder Vergleiche zwischen Gruppen gemessen werden. Im Fall der Leistungsfähigkeit im Zusammenhang mit Altersstereotypen wurde zum Beispiel gemessen, wie lange Personen brauchten, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen oder von einem Stuhl aufzustehen. Hierbei konnte gezeigt werden, dass bei der Aktivierung von Altersstereotypen auch junge Personen sich langsamer bewegten.

Stereotypisierung von Geschlecht im Sport

Bei der Ausübung von Sport und bei der Darstellung von Sport in den Medien spielen Geschlechterstereotype eine Rolle. Traditionell wird Jungen und Männern zugeschrieben, sie seien abenteuerlustig, aggressiv und kräftig, Mädchen und Frauen hingegen, sie seien eher furchtsam, schwach und unterwürfig. Dies führte zu einer geschlechterbezogenen Einteilung in „Männersport” und „Frauensport”. Gymnastik und Tanz zum Beispiel werden nach wie vor als „weibliche” Sportarten charakterisiert, Fußball, Rugby, Ringen hingegen als „männliche”. Dass die Zuordnung dabei nicht zwangsläufig ist, zeigt sich im kulturellen Vergleich: Während Fußball in unserem Kulturkreis als besonders männlich gilt, hat er in den USA im Vergleich zu American Football oder Basketball nicht das Image, besonders „männlich“ zu sein. Yoga gilt bei uns als typischer Frauensport, im Herkunftsland Indien sind Yogameister und ihre Schüler traditionell Männer.

Soziale Deutungsmuster unterstellen also, dass bestimmte Sportarten eher für Jungen und Männer und andere eher für Mädchen und Frauen geeignet seien. Mädchen und Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten viele Sportarten durch Grenzüberschreitungen „erobert“, teilweise gegen starke Widerstände in den Sportinstitutionen wie zum Beispiel im Fußball oder Ringen. Durch die hierarchische Ordnung können sie an Status gewinnen, während Jungen und Männer bei der Ausübung von Sportarten wie Ballett oder Synchronschwimmen das Risiko sozialer Abwertung eingehen. Auch im höheren Alter gilt diese Einschränkung. So beschreibt im Interview eine Frau (59 Jahre) die Einstellung ihres Mannes: „Mein Mann würde nie in eine Gymnastikgruppe gehen, das wäre für ihn das Lächerlichste.“ Ein Mann (69 Jahre), der die Grenzüberschreitung wagt, meint: „Einmal ist es sowieso schon komisch, wenn man als Mann bei Aerobic mitmacht, was eine Domäne der Frau ist. Und dann auch noch in meinem Alter“ (Hartmann-Tews et al. 2012: 96 f.).

Hochleistungssport von Männern wird in den Medien als wichtiger bewertet als der Sport, den Frauen betreiben, auch wenn es sich um dieselbe Sportart handelt. So wird in der Sportberichterstattung der Tagespresse nahezu ausschließlich über Sportereignisse, Personalia und Wettkämpfe der Männer berichtet. 85 Prozent der Texte thematisieren sportliche Aktivitäten der Leistungssportler und nur 15 Prozent der Artikel die der Sportlerinnen (Hartmann-Tews & Rulofs 2007). In Abbildungen werden Sportler überproportional häufig in aktiver Ausübung ihrer Sportart – oft im Wettkampf – gezeigt, während Sportlerinnen oft nur in anderen sportlichen Kontexten, zum Beispiel am Spielfeldrand oder im Sportdress in der Sonne badend dargestellt werden. Leistungssport von Frauen ist durch die einseitige Berichterstattung deutlich weniger öffentlich sichtbar– mit weitreichenden Konsequenzen. Da sich bei Profisportlerinnen genauso wie bei ihren männlichen Kollegen Bekanntheit und mediale Reichweite unmittelbar auf den Marktwert auswirken, bedeutet die ungleiche Präsenz auch eine ungleiche Bezahlung.

Auch im Berufsfeld Sport und Sportwissenschaft zeigen sich Auswirkungen von Geschlechterstereotypen. So belegen Frauen und Männer unterschiedliche Fächer im Studium der Sportwissenschaft. An der Deutschen Sporthochschule Köln bevorzugen Frauen die Studienschwerpunkte „Sport, Gesundheit, Rehabilitation“ sowie „Medien und Kommunikation“, während die Männer eher „Sporttechnologie“ sowie „Sportökonomie und -management“ wählen. Diese Wahl führt später in verschiedene Berufsfelder, sodass die Absolventen häufiger eine Führungsposition besetzen als Absolventinnen (Jost et al. 2012).

Bezogen auf den Beruf des Trainers/der Trainerin im Hochleistungssport zeigt sich, dass Trainerinnen im Spitzensport immer noch sehr selten sind. Dies hängt auch mit geschlechtsbezogenen Kompetenzzuschreibungen zusammen. Eine Befragung von Spitzensportlerinnen und -sportlern sowie Funktionären zeigte, dass Trainern und Trainerinnen zugeschriebene Fähigkeiten teilweise sehr unterschiedlich sind. Den Trainern werden stärker Erfolgsorientierung, Durchsetzungsfähigkeit, Belastbarkeit, Entscheidungsfähigkeit, Autorität und Führungskompetenz zugeschrieben. Bei den Trainerinnen hingegen werden in stärkerem Maße Einfühlungsvermögen, Geduld, Kreativität, Fairness und Kooperationsvermögen gesehen (Bahlke et al. 2003). Gleicht man diese Kompetenzprofile mit den Anforderungen ab, die Athleten und Athletinnen zu Spitzenleistungen und dauerhaftem Überschreiten ihrer körperlichen Grenzen bringen zu können, scheinen die den Trainern zugeschriebenen Eigenschaften Erfolg versprechender zu sein. Die Studie zeigte aber auch, dass Athleten und Athletinnen durch eigene Erfahrungen mit Trainerinnen Kompetenzvorbehalte abbauen.

Zusammenwirken von Alters- und Geschlechterstereotypen

Der „double standard of aging“ beschreibt, dass die Charakterisierung als „alt“ bei Frauen früher erfolgt als bei Männern und eine stärkere Abwertung der Attraktivität von Frauen vorgenommen wird (Bell 1970). Dementsprechend schämen sich ältere Frauen ihres Körpers beim Sporttreiben stärker als ältere Männer und vermeiden teilweise das Sporttreiben in der Öffentlichkeit. Dies hält sie jedoch nicht grundsätzlich vom Sport ab, vielmehr kämpfen sie mit Sport auch gegen Attraktivitätsverlust an (Hartmann-Tews et al. 2012: 98f).

Beim Wandel der Sportbeteiligung (vgl. Abb. 1) trug die Zunahme sportlich aktiver Frauen im mittleren und höheren Erwachsenenalter sogar besonders stark zur gesellschaftlichen „Versportlichung“ bei. Während Frauen auch im Alter in den Sport einsteigen, zeigen sich bei den Männern mit steigendem Lebensalter höhere Abbruchquoten. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass bei Frauen die Motive, durch Sport „Anti-Aging“ zu betreiben und die eigene Fitness bis ins hohe Alter zu erhalten eine größere Rolle spielen (Hartmann-Tews et al. 2012). Außerdem scheint die stärker ausgeprägte Leistungs- und Wettkampforientierung der Männer im Sport, ihre Affinität zu Mannschaftssportarten sowie ein stärkerer instrumenteller Bezug zum Körper dazu zu führen, dass die Hürde für Sport im Alter höher liegt. Traditionelle Geschlechterstereotype, die Männern in jüngerem Alter Vorteile bringen und lange Zeit die Rolle von Frauen im Sport schmälerten, können im Alter eher zu Hindernissen für Sport werden. Angebote des Seniorensports werden von Männern oft als eher unattraktiv angesehen, da sie wenig Leistungs-, Spiel- und Wettbewerbscharakter aufweisen. Ein weiterer Grund könnte auch in sozialen Rollenerwartungen liegen: Bei Männern wird vermutet, dass sie schlechter mit einer nachlassenden Leistungsfähigkeit umgehen können als Frauen (Tischer & Hartmann-Tews 2009: 24).

Stereotype abbauen – Vielfalt wertschätzen

Die Heterogenität der Personen, die heutzutage Sport treiben, ist groß: Frauen, Männer, Personen aller Altersgruppen, Menschen mit und ohne Behinderung, Deutschstämmige und Zugewanderte. Dementsprechend suchen auch Sportverbände nach Strategien und Konzepten, um Benachteiligungen nicht nur aufgrund des Geschlechts oder des Alters, sondern auch aufgrund von Merkmalen wie Behinderung, sexueller Orientierung oder ethnischer Zugehörigkeit entgegenzuwirken. Sie wenden sich mit Kampagnen und Projekten zu den Themen Integration durch Sport, Sport für Ältere und Gleichstellung im Sport an die Öffentlichkeit. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband der deutschen Sportverbände und -vereine hat sich im Jahr 2007 der Charta der Vielfalt angeschlossen, der Deutsche Fußballbund trat der Charta im Jahr 2011 bei. Da es allerdings auch Bedingungen gibt, die eine Öffnung für soziale Vielfalt in Sportorganisationen erschweren, empfiehlt sich die Etablierung eines systematischen Diversity Managements auch im organisierten Sport (Rulofs 2011). Diversity Management wird allgemein definiert als der zielgerichtete Einsatz von Prozessen und Strategien, welche die Unterschiede zwischen Personen als positives Gut wahrnehmen. Die Wertschätzung von Vielfalt beinhaltet zugleich das Erkennen, Reflektieren und Abbauen von Stereotypen. Hierzu müssen im Sportbereich auf organisationaler Ebene aktive Reflexionsprozesse angestoßen werden, auf der personalen Ebene nehmen alle Funktionsträger und -trägerinnen im Management sowie im Trainings- und Übungsbetrieb Schlüsselpositionen zur Förderung von Vielfalt ein.

Für den Arbeitsmarkt Sport wird also ein gezielter und bewusster Umgang mit Vielfalt zunehmend zur Schlüsselqualifikation. Wer heute im Sport Aufgaben als Trainerin, Übungsleiter, Managerin, Schiedsrichter usw. übernehmen möchte, begegnet in vielen Settings einem anspruchsvollen Feld. Dieses ist nicht nur durch die Verschiedenheit der beteiligten Personen gekennzeichnet, sondern wird in immer mehr Sportorganisationen auch von dem Anspruch geleitet, ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen, das die Potenziale von Vielfalt wertschätzt. Um junge Menschen auf diese Anforderungen im Sport angemessen vorzubereiten, hat die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) das Thema „Diversity Management“ zu einem zentralen Baustein ihrer Ausbildung gemacht. Im Studienbereich „Schlüsselqualifikationen“ sieht das Curriculum des Studiums an der DSHS inzwischen neben Bereichen wie Präsentationskompetenz und Methodenkompetenz auch den Erwerb von Diversity Kompetenz vor. Hier reflektieren die angehenden Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gesellschaftliche Stereotype und deren Wirkung auf das Miteinander. In Studienprojekten gehen die Studierenden selbst ins Feld, um eigene Erfahrungen mit ausgewählten Dimensionen von Vielfalt im Sport zu sammeln. So erfahren Studierende zum Beispiel bei dem Besuch von Sportvereinen für Zugewanderte oder Sportvereinen für Menschen mit Behinderung, aus welchen Gründen diese gerne „unter sich“ Sport treiben möchten und unter welchen Bedingungen eine Öffnung für integrative Sportgruppen möglich wird. Des Weiteren zielt das Lehrkonzept auf die systematische Reflektion von „wohldosierten“ Fremdheitserfahrungen. So begeben sich die Studierenden in für sie fremde Situationen, zum Beispiel indem sie einen Tag im „Altersanzug" (ein Anzug, der verschiedene Alterseinschränkungen wie zum Beispiel schlechteres Sehvermögen erlebbar macht) verbringen oder indem sie erleben, wie es ist, als einzige Frau in einer Vereinsvorstandssitzung mit vorwiegend älteren Männern teilzunehmen. Die anschließende Reflektion solcher Fremdheitserfahrungen ist insbesondere in Bezug auf das Erkennen von Stereotypisierungen und der eigenen Normalitätserwartungen aufschlussreich.

Durch die feste Einbindung des Themas „Diversity Kompetenz“ in das Studium lernen die Studierenden, den wertschätzenden Umgang mit Vielfalt auch selbst zu gestalten. Mit Unterstützung des DOSB bietet die DSHS außerdem die Zusatzqualifikation „Gender- und Diversity Kompetenzen im Sport" an. In der Ausbildung wird dabei die Wirkungsweise von geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekten in der Forschung ebenso thematisiert wie der geschulte Umgang mit sozialer und kultureller Vielfalt in der Sportpraxis. Der DOSB als Dachverband im Sport signalisiert durch die Beteiligung an dem Zertifikat, dass Kompetenzen im Umgang mit Vielfalt in Sportverbänden gefragt sind. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in verschiedenen Sportverbänden inzwischen sowohl Projekte als auch zunehmend Personalpositionen zur Gleichstellung oder Antidiskriminierung geschaffen wurden.

Das Wissen und die Reflektion darüber, dass sich die Wahrnehmung von Menschen im Sport und die Bewertung ihrer Leistung nicht nur an objektiven Kriterien orientiert, sondern auch durch unbewusste Zuschreibungen und stereotype Vorstellungen beeinflusst wird, kann durch solche Maßnahmen weiterentwickelt werden. Die aktive Auseinandersetzung mit den sozialen Zuschreibungen, die Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeiten erfahren, ist zentrale Voraussetzung für die Entwicklung einer gleichberechtigten Teilhabe am Sport.

Literatur

Bahlke, St./Cachay, K./Benning, A. (2003): „Trainer ...
das ist halt einfach Männersache“. Eine Studie zur Unterrepräsentanz von Trainerinnen im Spitzensport. Köln, Sport & Buch Strauß.

Bargh, J. A.; Chen, M.; Burrows, L. (1996): Automaticity of Social Behavior: Direct Effects of Trait Construct and Stereotype Activation on Action. In: Journal of Personality and Social Psychology 71 (2), S. 230 – 244.

Bell, Inge (1970): The double standard. In: Trans-action 8 (1 – 2), S. 75-80.

Hartmann-Tews, I., Tischer, U. & Combrink, C. (2012). Bewegtes Alter(n) – Sozialstrukturelle Analysen von Sport im Alter. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich.

Hartmann-Tews, I. & Rulofs, B. (2007). Zur Geschlechterordnung in den Sportmedien. In T. Schierl (Hrsg.), Handbuch Medien, Kommunikation und Sport (S. 137 – 154). Schorndorf: Hofmann.

Hausdorff, J.M., Levy, B.R. & Wei, J.Y. (1999). The power of ageism on physical function of older persons: Reversibility of age-related gait changes. Journal of the American Geriatrics Society, 47, 1346 – 1349.

Jost, T., Menzel, T. & Hartmann-Tews, I. (2012, 22. Februar). AbsolventInnen-Studie 2011. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern: Ein Überblick.

Kite, M.E., Stockdale, G.D., Whitley, B.E. & Johnson, B.T. (2005). Attitudes toward younger and older adults: an updated meta-analytic review. Journal of Social Issues, 61 (2), 241 – 266

Levy, B.R. & Leifheit-Limson, E. (2009). The stereotype-matching effect: Greater influence when age stereotypes correspondend to outcomes. Psychology and Aging, 24 (1), 230 – 233.

Röhr-Sendlmeier, U. & Ueing, S. (2004). Das Altersbild in der Anzeigenwerbung im zeitlichen Wandel. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 37, 56 – 62

Rulofs, Bettina (2011). Diversity Management – Perspektiven und konzeptionelle Ansätze für den Umgang mit Vielfalt im organisierten Sport. In Braun, Sebastian & Nobis, Tina (Hrsg.), Migration, Integration und Sport – Zivilgesellschaft vor Ort (S. 83 – 98). Wiesbaden: VS-Verlag.

Tischer, Ulrike; Hartmann-Tews, Ilse (2009): Die Sportaktivität älterer Männer aus soziologischer Perspektive. In: blickpunkt. der mann. Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit 7 (3), S. 20 – 26.